Weltreise von Gerold Rahmann                                 zurück zur Liste der Länder

 

1b: Deutsche Demokratische Republik (DDR)
Ich bin ein Jahr nach dem Mauerbau geboren. Für mich gab es immer zwei deutsche Staaten. Das erste Mal bin ich mit der Schulklasse 1976 durch die DDR gefahren, als wir Berlin, die 4-Zonenmächte-Stadt, mitten im sowjetbeeinflussten Osten, besucht haben. Der Grenzübergang in Helmstedt (stramm stehen, nicht lachen) hat uns gezeigt, wie frei wir leben. Es war wie der Übergang von einem Farbfilm in einen Schwarz/Weißfilm. Die Häuser grau, riesige Flächen, keine schöne Landschaft, die ganze Fahrt über den Transit bis Berlin. Dort das Gegenteil, das Bollwerk des Westens gegen den bösen Osten. Alles Trouble, viel mehr als in Ostfriesland. Auf der Fahrt noch nicht viel verstanden. Während des Studiums bin ich häufig in Berlin gewesen, die Anarcho- und Hausbesetzerszene war dort sehr aktiv und ich hatte sehr viele Freude dort. Der Transit war immer eine Herausforderung, gerade als Langhaariger mit einem bunten Auto. Trampen ging einfacher, unterwegs konnte man ja nicht rausgeworfen werden. Von Kreuzberg auch öfters nach Ostberlin rübergegangen. Gab eine andere Welt, billiges Essen und war wie eine Geschichtsreise. In Göttingen und besonders auf unserem Hof war die Grenze ganz nach bei. Von Bischhausen nur 100 Meter. Die DDR und z.B. das nächste Nachbardorf (Bischhagen, hinter einem Hügel) kannte ich Ende der Achtziger weniger als Afrika.

Der Fall der Mauer kam sehr überraschend. Durfte ich hautnah erleben, da ich ja an der Grenze wohnte. Die Leute aus dem Dorf sind bei der Verkündung der Grenzöffnung zum Zaun gegangen oder mit Trecker und Bagger hingefahren. Der Zaun wurde niedergerissen. Rübergelaufen ist aber noch niemand, da es ja den verminten Streifen gab. Die Grenzfahrwege der VoPos waren aber sicher. Wir sind nach Bischhagen, 2 km von Bischhausen entfernt in die dortige Kneipe gegangen und es wurde gefeiert. Obwohl ich die DDR ganz unemotional betrachtet hatte, war diese Wiedervereinigung eine ganz ganz tiefes Erlebnis. Hier wurde Weltgeschichte geschrieben, unglaublich. War am Anfang gar nicht so bewusst. Erst später. Die ersten Wochen waren von Wiedervereinigungstaumel geprägt. Als Mitglied der Feuerwehr wurden Parkplätze auf den Wiesen bewacht, der Verkehr (Trabis Trabis Trabis) geregelt. Nach einige Wochen dann eine Fahrt in den Ostharz. Ich kam mir immer noch vor wie in einem anderen Land. Geld war noch unbekannt, die Stimmung in den Kneipen sehr sozialistisch unfreundlich. Haben in den ersten Nächten immer die Lastwagen gehört, die die Schlachttiere (wegen der hohen Prämien im Westen) nach Göttingen gefahren haben (alles illegal). Die russischen Militärläger wurden geplündert, es gab vieles umsonst, weil es einfach rumlag und die Eigentümer geflüchtet waren. Selbst mein Kopf musste sich erst daran gewöhnen, dass nun keine Grenze mehr da war. Obwohl der Weg durch Thüringen 4 km kürzer nach Witzenhausen war, habe ich dieses erst nach 3 Jahren gemerkt und geglaubt. Es war wie Ausland und die gefühlte .Distanz  anders wie die wirklich. Dann immer häufiger in den Osten gefahren, gab spannende und schöne Landschaften. Ansonsten war es ein Geldgrab, in Gleichen wurde gerne über die Wieder-Trennung und Spenden für den Mauerbau gesprochen. Die Ex-DDR war sehr sanierungsbedürftig, das Grau der Landschaft musste erst mal Farbe bekommen. Es war irritierend, dass sich in den ersten 10 Jahren optisch nicht viel getan hat. Dabei war so viel Geld in den Osten geflossen. Ist erst fast alles in den Boden oder in die Spekulation gegangen. Viele Freunde haben aber Landwirtschaft im Osten angefangen, gescheitert oder Erfolg gehabt. Die ersten Jahre waren wie der Zug nach Osten ins unbekannte und vielversprechende Land der Träume.

Nun, nach 15 Jahren Wiedervereinigung, ist Deutschland eins und der Osten nur ein Landesteil, nur: mit einer besseren Infrastruktur (aber höherer Arbeitslosigkeit: 20%).