Weltreise von Gerold Rahmann                                 zurück zur Liste der Länder

 

1: Deutschland
Ich bin am Sonntag, den 29. April 1962 um 23.00 Uhr im Kreiskrankenhaus Wittmund in Ostfriesland geboren. Aufgewachsen bin ich auf dem kleinen  Bauernhof in der Geest von Zentral-Ostfriesland.  Meine Eltern Hilda und Diedrich Rahmann bewirtschafteten dort einen Hof mit rund 10 Kühen, Jungrindern, 3-5 Sauen und einige Mastschweinen, rund 100 Hühnern, einem Fischteich (0,2 ha) mit Wald und 20 Hektar Grünland. Dieser Hof war typisch für die Gegend, die als Streusiedlung Amerika heißt und in der Ortschaft Hesel (Gemeinde Friedeburg) liegt. Zur Schule bin ich in eine Dorfschule gegangen, die nur zwei Klassen und zusammen 20 Schüler hatte. Hier konnte ich zu Fuß hingehen. Als die Schule aufgelöst wurde, musste ich die Grundschule in Reepsholt besuchen. Nach der 4. Klasse kam ich in die Orientierungsstufe nach Friedeburg. Dann musste ich mit 10 Jahren von Amerika zu Fuß durch Rußland nach Friedeburg in die Realschule. Dort bin ich bis zur 10. Klasse hingegangen.

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Mein Bild aus der damaligen Zeit, nun schon über 43 Jahre her, ist ein sonniger Tag auf einem moorigen Grünlandstück, wo ich am Wall sitze und den Ameisen zuschaue. Dieses ist eigentlich ein schönes unbekümmertes Bild, obwohl es aus heutiger Zeit wohl als normal gelten kann, eben sehr ländlich und einsam. 

Es hat mich aber sehr geprägt. Ich bin studierter Landwirt mit Leib und Seele, liebe die Natur und Ostfriesland. Auf dem Hof lebten auch meine Schwester Traute - 1,5 Jahre jünger wie ich und meine Spielfreundin, da keine anderen Kinder in der Nähe waren, meine ältere Schwester Helga, mit der ich immer Krieg hatte, meine Oma Gesine und mein Opa Heinrich. Auf dem Hof war immer viel los, da mein Vater Hausschlachter und sehr gesellig war. Er ist praktisch nie aus Ostfriesland bzw. vom Hof herausgekommen.

Nach der Realschule Altes Amt Friedeburg bin ich auf das Mariengymnasium nach Jever gegangen, wollte noch nicht arbeiten sondern was lernen, sehr zum Bedauern meines Vaters (Landwirt, Hausschlachter, Hilfsarbeiter auf dem Bau). Er meinte zu mir, ich sollte mir nicht einbilden, etwas besseres zu sein. Soweit meine Verhältnis zum Vater, der mit 56 1989 gestorben ist.

In Jever habe ich dann ganz andere Leute kennen gelernt - freaks. Fand ich sauspannend und hat mich auch geprägt. Meine Jugend bis zum 18. Lebensjahr (Abi) habe ich mich durch diese Szene prägen lassen bzw. ich habe andere geprägt (Clique in Reepsholt). Ich habe wenig Vorgaben und viele Freiheiten von zu Hause bekommen und es genossen, mein Leben auszukosten, anders zu sein als die Langweiler aus dem Dorf. In Reepsholt habe ich meinen besten Freud Michael kennen gelernt, der der Sohn vom Pastor war und genauso aus der Art geschlagen ist. Mit ihm habe ich viel unternommen.

Mit 18. Jahren bin ich von Ostfriesland nach Hannover in die Voltastrasse gezogen (Zweizimmerwohnung mit Zentralheizung, welch ein Luxus). Als erster Kriegsdienstverweigerer des Dorfes musste ich Zivildienst machen. Ich hatte in der Drogenberatung in Hannover ("Hinterhaus") eine Stelle bekommen. Den Zivildienst habe ich eher als Pflicht durchgezogen, der Leiter und einige Mitarbeiter waren Alt-68er, die ich als Theoretiker nicht so gut ab konnte (Wichtigtuer). Als Lebemensch fühlte ich mich in Hannover aber sehr wohl, war sehr aktiv: Demos organisieren, gegen Atomkraftwerke etc. demonstrieren gehörte zum Alltag. In Hannover hat auch meine damalige Freundin Helga ihre Kindergärtnerinnen-Ausbildung gemacht. Wir waren zwar schon seit 16 zusammen, hatten aber doch sehr verschiedene Entwicklung genommen. Sie brav und ich freak. Waren in Hannover nur noch kurz zusammen. Dafür hatte ich bald eine andere Freundin aus Dortmund - Barbara - die bald mit ihrer Freundin Sabine zu mir nach Hannover gezogen sind. Habe eine billige 5 Zimmerwohnung in der Badenstedter Strasse gefunden. 

Demos on mass in der Göttinger Zeit: hier eine Vorschlaghammer-Version auf dem Marktplatz. 1 DM pro Schlag für ein Auto mit der Deutschlandfahne.

Nach dem Zuvieldienst von 16 Monaten dort noch ein Jahr als Taxifahrer gelebt. Dann wollte ich aber weg, habe mir einen Studienplatz gesucht: stand viel zur Auswahl: Medizin, Kunst, Theologie, Sozialwissenschaften, Biologie oder Landwirtschaft. Habe mich dann doch für die Landwirtschaft entschieden, da dieses so vielseitig ist und mir schon immer Spaß gemacht hatte. Die Drogenberatung hat mir gezeigt, dass das nichts für mich ist, mit kaputten Menschen zu arbeiten. 

 

 

Hochzeitauto mit Klaudi auf dem Weg zum Standesamt in Weißenborn nach einer Nacht bei Django Edwarts und Hotel in Kassel.

Weihnachtsfeier 2001, als Renate-Kühnast-Engel verkleidet, die nix zu verschenken hat.

Wollte Ökolandbau studieren, war gerade an der Uni Kassel Standort Witzenhausen gegründet worden (Vogtmann). Habe mich dort erkundigt, und erfahren, dass erst einmal ein Praktikumsjahr erforderlich sei. Habe am Bord in der Mensa dann eine Adresse von Bertram Eberhard in Weißenbach auf dem Meißner gefunden, angerufen und hingetrampt. Dort haben wir uns geeinigt, dass ich das Praktikum bei ihm machen werde. Habe mir dann Wohnung (Carmshausen) in der Nähe gesucht und bin von Hannover nach Hessen gezogen. Barbara ist nach Göttingen gezogen, hat dort einen Medizinstudienplatz bekommen. So waren wir noch ein Jahr zusammen. Die Arbeit bei Bertram hat mir gut getan (nach dem Abhängen in Hannover). Viel, viel, viel Arbeit (6.00 - 20.00 Uhr, jedes zweite Wochenende Melkdienst), aber nette Leute. Nach einem Jahr war ich aber auch froh, fertig zu sein. Habe mich aber in die Gegend und die Landschaft verliebt. In Witzenhausen wollte ich aber nicht bleiben, zu viele Edel-Ökos. In Göttingen studierten mittlerweile meine neuen Freunde. Dort ging eh die Post ab, weil es ein sehr konventionelles Studium war. Dort passte Aktivismus viel besser hin. Haben in der Planckstraße in einer 10er Kommune gelebt, viel unternommen und das Studentenleben in vollen Zügen genossen. Von 1983 bis 1990 dauerte dann mein Studium der Agrarökonomie (Tierquälerei und Pflanzen tot spritzen wollte ich nicht lernen). War eine tolle Zeit. 1987 haben wir als gesamte WG einen Resthof in Bischhausen gekauft, waren gerade 23 Jahre alt, hatten kein Geld aber Visionen und Energie. Haben einen Biohof aufgebaut, ein denkmalgeschützten Hof restauriert und einen Bioweinhandel gegründet. Da haben wir mehr gelernt als im Studium. Ansonsten waren auch die Jobs immer eine gute Finanzierungs- als auch Ausbildungsquelle: Kneipenjobs, Bau, Landschaftspflege, Trecker und Mähdrescher fahren, Tagungen organisieren, Daten eintippen, Taxi fahren, Gruppen führen, etc. etc. Der Hof war für die Selbstversorgung gedacht. Die Ökoszene war noch sehr klein, in der Göttinger Umgebung praktisch alles unsere Freunde. Tauschhandel war verbindender Punkt. Wir wollten eine Gegen-Gesellschaft gründen. Waren deswegen auch ab 1986 bei den Grünen aktiv, z. B. als Kreistagsabgeordnete oder im Gemeinderat.

Das Studium an der Uni Göttingen (Agrarökonomie) war schon mit vielen Reisen verbunden (Afrika, Südamerika, Asien). Wollte Entwicklungshelfer werden. Mit meiner Diplomarbeit über Milchkuhhaltung in Mzuzu in Malawi hat mich mein Betreuer Prof. Manig gefragt, ob ich nicht promovieren wollte, im Bereich Ökonomie der Tierhaltung in der Sahelzone des Sudans. Das war mein Traum. Direkt im Anschluss an mein Studium sollte es losgehen. Hatte ein Lotterleben, viele Freundinnen und war frei. Bis ich Klaudia im Oktober kennen gelernt hatte (kannte sie schon vorher flüchtig und fand sie schon von Anfang an sehr attraktiv. Im Oktober hat es aber zwischen mir und Klaudia gefunkt. Sie fragte dann, ob wir nicht heiraten wollten, so knapp vor 30 Lebensjahre (ich war gerade 28). Ich sagte ja, war ja kein Feigling und es war genau dass, was in der Ökoszene vollkommen verpönt war. Genau deswegen war es gut. Klaudia studierte in Witzenhausen und wohnte in einer WG in Ermschwerdt - ebenfalls alles freaks. Am 7. Dezember, 6 Wochen nach unserem Zusammenkommen (in Holland), haben wir heimlich nur mit unseren Trauzeugen in Weißenborn, Hessen, geheiratet . Dieses warf natürlich meine Reisepläne bzw. meine Freiheit etwas über den Kopf. Wir waren uns jedoch einig, dass ich trotzdem fahren sollte (18 Monate ohne Kontaktmöglichkeiten. Bislang waren alle Auslandsreisen mit dem Ende einer Kiste verbunden. Hier hatte ich schon Angst. Die Ausreise war wegen dem 1. Golfkrieg auf August 1991 verlegt worden. Klaudi wurde auch schwanger. Bin gefahren, in die Wüste. War ein sehr einschneidendes Erlebnis: die Hitze, die Armut in der Dürre (bis zum Verhungern), der Heimweh. Als ich beim Heimaturlaub am Weihnachten Ayla, unsere Tochter kennen gelernt habe (sie war da schon 3 Monate alt), wollte ich nicht wieder weg. Musste aber. 

Bin dann aber im April wieder gekommen, Feldphase war überstanden, alles zu heftig. Klaudia und ich sind dann erst zusammengezogen, nach Bischhausen. Ihre Mitbewohner Harald und Jogi sind gleich mitgekommen. War eine nette aber nicht mehr so feakige Truppe. Ich war der letzte, der aus der Erstbesetzung übrig geblieben war. Kim wurde nur 14 Monate später geboren (beides Wunschkinder). In Bischhausen konnten wir die beiden sehr gut großziehen. Der Hof bot alles, was notwendig war für eine unbeschwerte und spannende Kindheit. Jogi und Betty haben auch Kids bekommen und es war im gesamten Bekanntenkreis auf einmal sehr kinderreich. Am Lagerfeuer wurde nicht mehr über dei Weltrevolution sondern über Kindererziehung und Badezimmerfliesen diskutiert.

Ayla und Kim in Bischhausen 1994

Meine Promotion "Ökonomisches Handeln von Nomaden in der Dürre" habe ich 1993 am Institut für rurale Entwicklung der Uni Göttingen abgeschlossen und gleich anschließend eine befristete Assi-Stelle in Witzenhausen bekommen. Geld war zwar immer knapp aber nur wegen unserem Ausgabeverhalten. Die Assi-Stelle konnte ich bis 2000 besetzen, habe 1999 in einem nichttropischen Thema "Biotoppflege als neue Funktion und Leistung der Tierhaltung" habilitiert. War eine spannende Zeit: mit Ziegen in der Umgebung auf den schönsten Standorten Weideversuche machen, die kids mitnehmen, Klaudi hat auch am gleichen Fachgebiet Jobs bekommen und der Standort Witzenhausen war sehr angenehm.

Wandern im Algäu mit Klaudia, Ayla, Kim, Henrik und Anna-Lea 2004

Brandenburger Tor mit Familie 2002

Alles hat ein Ende. Meine Stelle in Witzenhausen lief aus, ich hatte eh das Gefühl, es musste nun was neues her und habe mich überall beworben, wo ich Geld verdienen konnte und die einigermaßen anspruchsvoll war. Das ich die Stelle als Leiter des Bundesforschungsinstituts für Ökologischen Landbau bekommen habe, hatte ich und wohl auch sonst niemand auf der Agenda. Dieses war ein gewaltiger Karrieresprung, viel besser als jede Professur in den Agrarwissenschaften. 

Bin 2000 nach Trenthorst in Schleswig Holstein in ein altes Herrenhaus gezogen, das zum Institut gehörte. Zunächst ohne Klaudi und die Kids. Habe dort ohne Vorgaben ein Institut mit einem großen Budget und viel Personal aufbauen dürfen. Hat mir viel Spaß gemacht, hat sehr viel Kraft gekostet (vor allem in der absolut konservativen Ressortforschung den Ökolandbau zu integrieren). 2002 ist Klaudi mit den Kids nachgezogen, nachdem ich den Lebensvertrag in der Tasche hatte. Haben ein Haus in Bad Oldesloe gekauft, war praktisch für die Kids mit der Schule und weg von der Arbeit. In Oldesloe politisch engagiert und eingemischt, das Leben geht weiter und muss spannend bleiben. Hier bin ich  noch mit 43, wo ich diese hier schreibe.

 
Deutschland habe ich vor allem in den letzten Jahren sehr gut kennen gelernt. Seit Jahren habe ich so viele Veranstaltungen und Vorträge fast überall in Deutschland. Fahre jedes Jahr viele tausend Kilometer mit dem Auto, mit dem Zug oder auch mit dem Flugzeug. Ich liebe das Land, vor allem die Berge in Bayern, die alten Städte, die Mittelgebirge. Deswegen machen wir viel in Deutschland Urlaub. Alles ist sauber, einfach und schön. Mit Klaudi gehe ich gerne wandern und spazieren. Mit dem Marathon-Training komme ich auch an viele Plätze, die sonst nicht aufgesucht werden. Über Felder und Wiesen, Fußwege sind überall vorhanden. In Deutschland fühle ich mich zu Hause und habe das Gefühl, dass ich mich einmischen kann für eine bessere und gerechtere Welt.

Baden im Königssee 2003